Der Wald, meine Heldin, mein Vorbild!

Wenn die Bäume so laut sprechen würden wie wir Menschen, wäre es im Wald verdammt laut. Doch – zumindest für uns Menschen – sprechen sie leise. Sanft wehen ihre Blätter im Sommer-Wind, wild stürmen die Äste im herbstlichen Gewitter. Und die ganze Zeit sprechen sie miteinander. Über Kilometer hinweg verschicken die Bäume Nachrichten, warnen vor Gefahren: vor den Eichenprozessionsspinnern oder vor Trockenheit. Sie senden Duftstoffe aus. Bald wissen alle: Es ist wieder Borkenkäferzeit.

Aber nicht nur sprechen können die Bäume. Sie helfen sich auch gegenseitig. Die Mütter-Bäume versorgen ihre Baum-Kinder im tiefen Schatten des Waldes. Das geht nur in einer Symbiose mit den Pilzen: Es ist ein Tauschhandel zwischen Zucker und Stickstoff, dass die Pilze motiviert, die Baum-Kinder von unten zu stärken. Um immer größer zu werden und sich im Kampf um einen Platz im Kronendach zu brüsten. Tief unterhalb der Baumkrone tobt derweil der Kampf um Abfall zwischen Spinnen, Läuse, Springschwänze, Asseln. Stehen wir im Wald auf einem Kubikmeter einer intakten Bodenfläche, so haben wir unter unseren Füßen mehr Organismen aufgewirbelt, als es Menschen auf diesem Planeten gibt (vgl. Naturhistorisches Museum Wien. 2024).

Der Wald von der Baumschicht, Strauchschicht, Krautschicht bis zur Moosschicht und Wurzelschicht, von der Assel am Boden über das Reh im Dickicht und dem Falken über dem Kronendach – der Wald verhält sich als dynamisches Ökosystem, von dem wir Menschen noch viel zu wenig verstehen und von dem wir umso mehr lernen können.

In welcher Hinsicht hat der Wald Vorbildfunktionen?

Dieses märchenhafte Universum nutzen wir für die Natur- und Erlebnispädagogik, um von der Kraft des Baumes, den Symbiosen zwischen Moosen, Pilzen und Baumwurzeln, den Schutzmechanismen und Kommunikationswegen zu lernen. Im Wald wollen wir vom Wald lernen. Nehmen wir das Beispiel eines Empowerment Retreats, ein Workshop für Feministinnen, der im Wald stattfindet, um die Menschen für ihren alltäglichen Kampf zu stärken. Dazu fokussieren wir uns beim Empowerment Retreat auf folgende Vorbildfunktionen des Waldes:

  • Der Wald repräsentiert ein komplexes und dynamisches Ökosystem, in dem Kommunikation und Interdependenz zentrale Rollen spielen. Diese Aspekte können als inspirierende Metaphern in einem Empowerment Workshop dienen. Naturmaterialien können eine wertvolle Inspiration geben. Zunächst kann der Austausch zwischen den Teilnehmerinnen im Workshop den kommunikativen Austausch im Wald widerspiegeln. Ähnlich wie die Wurzeln der Bäume miteinander verbunden sind, können die Teilnehmerinnen in dem geschützten Rahmen des Retreats ihre Erfahrungen, Ängste und Erfolge teilen. Durch das Teilen von Geschichten und das Geben von Rückhalt wird ein Gefühl der Solidarität geschaffen, das das individuelle Empowerment fördert.
  • Zudem kann die Vielfalt im Wald als Modell für die feministischen Prinzipien der Inklusivität und Diversität herangezogen werden. Im Workshop können die Teilnehmerinnen ermutigt werden, ihre einzigartigen Perspektiven und Identitäten einzubringen und sie als Stärken wahrzunehmen. Dies schafft ein reichhaltiges Lernumfeld, in dem unterschiedliche Erfahrungen anerkannt und geschätzt werden. So kann die kleine Gemeinschaft im Wald gestärkt und die große feministische Bewegung im Ganzen bereichert werden.
  • Darüber hinaus lehrt der Wald Geduld und Resilienz. Veränderung geschieht nicht über Nacht, sondern erfordert Zeit und Hingabe. Ein Empowerment Retreat im Wald kann den Teilnehmerinnen helfen, Geduld mit sich selbst und ihrem Prozess zu entwickeln. Zielsetzung und persönliche Entwicklung werden gefördert, während gleichzeitig das Bewusstsein dafür geschärft wird, dass kollektive Anstrengungen langfristige Veränderungen bewirken können. 

Durch diese Vorbildfunktionen des Waldes können wir auch den Menschen für einen positiven und vor allem verantwortungsbewussten Umgang mit seiner Umwelt sensibilisieren.

Ausgewählte naturpädagogische Aktivitäten für das Empowerment Retreat inkludieren alle die Vorbildfunktionen des Waldes. Gleichzeitig wird Wissen rund um die Natur vermittelt und ökologische Zusammenhänge verständlicher gemacht. Wir können zeigen, was die Natur für uns als Menschen alles zu bieten hat: von der Ruhe im Wald bis zum Auspowern bei der Gipfelbesteigung oder der Nutzung von Naturmaterialien.

Der amerikanische Wald-Therapeut Clifford geht auf die Verbindung zwischen Waldbaden und Umwelt-Aktivismus genauer ein. Er schreibt (Clifford. 2018, S. 28ff.), dass das Waldbaden die Beziehung zum Wald stärkt und dadurch mehr als das vermittelte Theorie-Waldwissen einen umweltpolitischen Einsatz für die Natur fördere. Er resümiert (S. 29): “Für einige Waldbadende wird die Praxis zu einer Einladung, das Bewusstsein der übermenschlichen Welt zu erfahren. Es ist eine kraftvolle, schöne und radikale Form des Aktivismus. Sie ist radikal, weil sie uns durch eine ‘Wiedererinnerung’ an das, was wir sind, zu unseren Wurzeln zurückführt. Dann wird unser Handeln von Macht und Schönheit durchdrungen, da unser Leben zunehmend von unseren wachsenden Netzwerken der Verbundenheit geprägt ist.”

Meine Quellen:

Naturhistorisches Museum Wien (2024): Die dünne Haut der Erde – Unsere Böden. Wanderausstellung des Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz. Online unter: https://www.nhm-wien.ac.at/die_duenne_haut_der_erde (Ausstellung besucht: 6.10.2024; online zuletzt aufgerufen: 10.11.2024)
Clifford, M. Amos (2018): Your Guide to Forest Bathing. Experience the Healing Power of Nature. Conari Press