Wie wir den Wald erleben, ist eine völlig individuelle Erfahrung. In der Natur- und Erlebnispädagogik können wir mit der Auswahl des Settings, mit Aufgaben oder Fragestellungen gewisse Anreize geben und die Erfahrung in eine bestimmte Richtung leiten, um etwa an gesetzten Lernzielen zu arbeiten. Nehmen wir etwa die Aktion, 15 Minuten in Stille und alleine im Wald umherzulaufen. Damit setzen wir zwei Anreize: Zum einen, zu erfahren, wie wir ganz individuell Zeit wahrnehmen und nutzen. Zum anderen, wie wir in dieser Zeit den Wald wahrnehmen und wie die Natur in dieser Zeit auf uns wirkt.
Der Wald als Gesundheitsförderer: Wie stärkt uns der Wald?
Wenn wir Zeit im Wald verbringen, nicht nur dem Wanderweg folgen mit dem Ziel des Gipfels vor Augen, dann sind wir nah dran am Waldbaden. Waldbaden ist ein Trend, der schon länger auch im europäischen Raum vermarktet wird. Ziel des Waldbadens (japanisch: Shinrin-Yoku) ist es, in den Wald einzutauchen, wie ins Meer und dadurch gesünder zu werden. Quin Li gibt in ihrem Buch “The Art and Science of Forest-Bathing – How Trees Can Help You Find your Health and Happiness” (2018, S. 60ff.) einen hervorragenden Überblick über die japanische Tradition des Waldbadens: Der Begriff des Waldbadens habe Tomohide Akiyam, General der Agentur für Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei Japans, 1982 geformt. Er habe gemerkt, dass der Wald heilende Kräfte für den Menschen bereithält und das wiederum den Wald schützenswert macht. 2004 begannen wissenschaftliche Untersuchungen den Zusammenhang zwischen Wäldern und menschlicher Gesundheit zu überprüfen. Mit beachtlichen Ergebnissen!
In “Your Guide to Forest Bathing” erklärt der Wald-Therapeut M. Amos Clifford (2018, S.5), dass Waldbaden alles andere als neu ist – und vor allem nicht nur in Japan, sondern auch schon in skandinavischen und zentral-europäischen Ländern wie Deutschland eine lange Tradition hat: “Für Heilung in die Natur zu gehen hat eine lange Tradition in vielen, wenn nicht in den meisten Kulturen. Tatsächlich kam ja auch, bis die Industrialisierung einsetzte, die Medizin aus der Natur in Form von Kräutern, Wurzeln, Ritualen und der Beziehung zu anderen Wesen.”
positiven Effekte einer Waldauszeit wissenschaftlich belegt
Friedmann et. al. (2018) gehen in ihrer Literaturzusammenfassung zu den gesundheitlichen Effekten einer Waldauszeit ebenfalls auf diese eben genannten positiven Effekte ein. Die Autorinnen finden dabei vor allem drei Effekt-Kategorien des Waldbesuchs (S. 39):
- Physiologische Effekte: Verringerung von Blutdruck und Puls, Vergrößerung der Herzratenvariabilität, Verringerung von Stresshormonen wie Cortisol oder Adrenalin, Umschalten des Nervensystems auf Regeneration, Verbesserung des Immunsystems durch Aktivierung der natürlichen Killerzellen
- Psychologische Wirkung: positive Emotionen steigen (Wohlgefühl, Erfrischung, Entspanntheit, Vitalität), negative Emotionen sinken (depressive Gefühle)
- Weitere Effekte: persönliche Probleme lassen sich besser reflektieren, Gefühl von Sinnhaftigkeit wird gestärkt, Naturraum aktiviert Wunsch nach körperlicher Bewerbung, Naturerfahrung prägt gerade Kinder langfristig
Abbildung 1: Heilkraft des Waldes auf Psyche und Physiologie( Friedmann et al., Die Heilkraft des Waldes – Warum der Wald uns Menschen so gut tut, 2018, S. 39)
Die Autorinnen fassen zusammen (S. 39): “Im Vergleich zu Aufenthalten in urbanen Umgebungen scheinen Waldaufenthalte antidepressiv und stressreduzierend zu wirken, die kognitive Funktionen zu verbessern und das Herz-Kreislauf-System und das Immunsystem zu stärken.” Allerdings machen diese Autorinnen klar: Für eine eindeutige Waldwirkung fehle es (noch) an wissenschaftlich relevanten Studien mit hohen Fallzahlen und einer validen Statistik.
Es gibt verschiedene Wirkmechanismen für diese positiven Effekte des Waldaufenthalts. Hervorzuheben ist dabei die Wirkung der Terpene, insbesondere der Phytonzide. Terpene sind eine Gruppe von organischen Verbindungen, die in vielen Pflanzen vorkommen. Sie sind Hauptbestandteile ätherischer Öle und verantwortlich für den Duft und Geschmack von Pflanzen. Terpene wirken nicht nur aromatisch, sondern auch biologisch aktiv, indem sie antioxidative, entzündungshemmende oder sogar therapeutische Effekte entfalten können. Besonders interessant unter der Gruppe der Terpene sind die Phytonzide, natürliche, antimikrobielle Substanzen, die von Pflanzen, insbesondere Bäumen, abgegeben werden. Sie sind in der Waldluft nachgewiesen und schützen die Pflanzen vor Schädlingen.
Dass sie gesundheitsfördernd auf Menschen wirken, erklären etwa Li (2018, S. 92 ff.), Friedmann et. al. (2018, S. 40) und Clifford (2018, S.25). Es konnte mittlerweile sogar nachgewiesen werden, dass Phytonzide vom Menschen durch die Lunge aufgenommen werden und in Kombination mit der Stressreduktion während des Waldaufenthalts natürliche Killerzellen ihre Aktivität steigerten.
Nach einer Studie der japanischen Wissenschaftlerin Quin Li zeigt Abbildung 2, wie die natürlichen Killerzellen unseres Körpers mit einem Besuch im Wald ansteigen. Und nicht nur ansteigen, sondern bis zu 30 Tage nach dem Besuch im Wald ihre erhöhte Anzahl und gesteigerte Aktivität beibehalten.

Abbildung 2: Anzahl und Aktivität der Killerzellen im menschlichen Körper nach dem Waldbaden ( Li, Quin, The Art and Science of Forest-Bathing – How Trees Can Help You Find your Health and Happiness, 2018, S. 90)
Dabei ist anzumerken, dass der Effekt der Phytonzide natürlich nicht bei allen Bäumen gleich ist. Li gibt einen guten Überblick darüber, welche Bäume die gesundheitsfördernden Terpene in sich tragen und abgeben. „Immergrüne Bäume wie Kiefern, Zedern, Fichten und Nadelbäume sind die größten Produzenten von Phytonziden”, erklärt Li (2018, S. 94ff.). Keiner dieser Bäume können aber mit der aromatherapeutischen Kraft der Zypresse mithalten. Hauptbestandteile der Phytonzide seien die Terpene, die wir Menschen während des Waldbadens riechen könnten. Li zählt die wichtigsten Terpene wie folgt auf:
- D-Limonen (zitroniges Aroma)
- Alpha-Pinen (käme in der Natur am häufigsten vor und habe einen sehr frischen, kiefernartigen Duft)
- Beta-Pinen (krautig, wie Basilikum oder Dill)
- Camphene (terpentinartigen, harziger Geruch)
Es scheint sogar, dass nicht nur die Aromen des Waldes auf unsere körperliche Gesundheit wirken. Clifford erklärt in seiner Waldbaden-Anleitung, dass Waldbaden nicht nur entspannend und physisch stärkend wirkt, sondern auch für eine “größere geistige Klarheit” (Clifford. 2018, S. 17f.) sorgt, die unsere kognitive, kreative und soziale Kompetenzen verbessere. Für Clifford ist der Wald die beste Ärztin, die es gibt. Er fasst zusammen (S. 18): “Unser Körper ist ein bemerkenswerter Selbstheilungsorganismus, wenn er sich im Gleichgewicht befindet. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, ob der Wald unser primärer Arzt sein sollte, während unsere Ärzte eine unterstützende Rolle spielen und in den immer selteneren Fällen, in denen sie gebraucht werden, hinzugezogen werden können.”
Waldspaziergang wirkt antidepressiv & stressreduzierend
Der Effekt des sogenannten Waldbadens ist, wie gesagt, aufgrund mangelnder Langzeitstudien noch nicht signifikant erwiesen ist. Doch die Wissenschaft ist sich darüber einig, dass der Wald ohne Zweifel gut für den Menschen ist. Gerade für den Menschen des 21. Jahrhunderts! Was die Wissenschaftlerinnen Margaret M. Hansen, Reo Jones und Kirsten Tocchini in ihrer Literaturübersicht zum Wald- und Naturbaden erschließen konnten, ist gerade für unsere heutige Gesellschaft nicht zu vernachlässigen: Zeit im draußen, in der Natur zu verbringen sei für den neuzeitlichen “Alltagsstress” (technostress) das perfekte Gegenmittel (Hansen et al. 2018, S.42).
Shinrin-Yoku oder ganz allgemein der Aufenthalt in der Natur kann also antidepressiv, stressreduzierenden, kognitiv stimulierend und Immunsystem stärkend wirken, auch wenn wir aus wissenschaftlicher Sicht noch nicht ganz genau wissen, warum das so ist bzw. wie die Terpene genau wirken.
Die Wissenschaftsplattform Quarks (Sommer. 2024) fasst weitere positive Eigenschaft zusammen, die das Waldbaden bzw. ganz allgemein die Zeit in der Natur uns Menschen bringen kann:
- “weniger Lärm, Feinstaub und Stress”: gefilterte Luft und der gedämpfte Schall wirken sich positiv auf den Menschen auf
- aufgrund der Freiwilligkeit der Naturerfahrung mehr Selbstbestimmung
- Kontraste und Überraschungen, denn Natur ist nicht planbar
- Distanz zum Alltag: “unsere Sinne erleben alltagsfremde Eindrücke”
- mehr Weitblick: “Der Blick kann schweifen, weil in der Umgebung keine Gesichter, Verkehrsmittel oder Häuser auftauchen, die den Blick und die Aufmerksamkeit bannen.”
- weniger Druck: “Inmitten der Natur nimmt man sich nicht mehr so wichtig, weil man ehrfürchtig ist.”
Es hat sich gezeigt, dass Menschen im Naturraum Sorgen, Probleme und Bedürfnisse besser reflektieren können, was sich wiederum positiv auf unsere Gesundheit auswirkt.

Meine Quellen:
Li, Quin (2018): Shinrin-Yoku – The Art and Science of Forest-Bathing. Penguin Verlag
Hansen, M. M., Jones, R., & Tocchini, K. (2017): Shinrin-Yoku (Forest Bathing) and Nature Therapy: A State-of-the-Art Review. International journal of environmental research and public health, 14(8), 851. https://doi.org/10.3390/ijerph14080851 (zuletzt aufgerufen: 28.10.2024)
Friedmann, L., Gaggermeier, A., Suda, M, Schreiber, R., Schuh, A. und Immich, G. (2018): Die Heilkraft des Waldes – Warum der Wald uns Menschen so gut tut. Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft, LWF aktuell 119
Clifford, M. Amos (2018): Your Guide to Forest Bathing. Experience the Healing Power of Nature. Conari Press
Sommer, Angela (2019, November): Waldbaden zum Stressabbau. Quarks. Online unter: https://www.quarks.de/gesundheit/waldbaden-zum-stressabbau/ (zuletzt aufgerufen: 10.11.2024)
