Die Macht des Empowerments!

Wie kann uns der Wald stärken?

Empowerment ist ein bekanntes Lernmodell in der Natur- und Erlebnispädagogik. Dabei wirkt das Empowerment quasi als übergreifende Methode, denn allein durch die Definition und die Grundprinzipien der Natur- und Erlebnispädagogik ergibt sich, dass sich Menschen “empowered” fühlen. So wie Heckmaier und Michl in ihrem Buch “Erleben und Lernen. Einführung in die Erlebnispädagogik” (2008, S. 115) schreiben ist “Erlebnispädagogik [ist] eine handlungsorientierte Methode und will durch exemplarische Lernprozesse, in denen (junge) Menschen vor physische, psychische und soziale Herausforderungen gestellt werden, diese Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung fördern und sie dazu befähigen, ihre Lebenswelt verantwortlich zu gestalten.” Erlebnispädagogik an sich ist also schon eine Methode, die Menschen zum Empowerment, zur Eigenverantwortung führen will. Die Grundprinzipien der Natur- und Erlebnispädagogik unterstützen von sich aus schon diese Ermächtigung der Teilnehmerinnen. In der Erlebnispädagogik geht es eben um wert- und urteilsfreie, ganzheitliche, entwicklungsorientierte, handlungsorientierte, ressourcenorientierte, freiwillige und kommunikationsorientierte Prozesse.

Was heißt Empowerment?

Der Begriff Empowerment bedeutet übersetzt Selbstbefähigung oder Selbstbemächtigung und setzt sich die Stärkung der Eigenmacht, Autonomie und Selbstverfügung zum Ziel. Im “Lexikon Erlebnispädagogik” von Andrea Zuffellato und Astrid Habiba Kreszmeier (2022, S. 59.f.) definiert sich Empowerment als Befähigung, Ermächtigung und Bevollmächtigung: “Bezeichnung für Prozesse, die Menschen befähigen, ihre eigenen Stärken, Bewältigungsmechanismen und Durchsetzungschancen kennen zu lernen und zu vertiefen. Ziel von Konzepten zum Empowerment ist es, Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit und Selbstständigkeit auszubauen. Das bedeutete, Menschen zu vertrauen, ihnen etwas zuzutrauen und zuzumuten.” Die Autorinnen erklären weiter auch die Aufgabe der Trainerin oder Begleiterin: Diese müsse ihre Aufmerksamkeit auf die Fähigkeiten und Stärken der Teilnehmerinnen richten. Es gelte Erfolge und stärkende Erfahrungen zu ermöglichen, sodass die einzelne Teilnehmerin oder auch die ganze Gruppe merkt: Wir haben etwas geschafft!

Die Autorinnen Tilly Miller und Sabine Pankofer gehen in ihrem Buch “Empowerment konkret!” (2000) einen Schritt weiter als die erlebnispädagogische Definition von Zuffellato und Kreszmeier. Miller und Pankofer (2000, S. 5) schreiben zu Empowerment im Kontext der Sozialen Arbeit: “Konkretes Empowerment zeigt, dass Menschsein in eine ganzheitliche Wahrnehmung rückt, indem mit Fähigkeiten und Stärken gearbeitet wird. Ganzheitlichkeit bedeutet gleichsam, dass das, was fehlt, zu wenig oder unterentwickelt ist, nicht aus dem Blick gerät.” Sie integrieren, wohl ohne es direkt darauf zu beziehen, die Grundprinzipien der Natur- und Erlebnispädagogik in ihrer Definition. Gleichzeitig gehen sie ein Stück weg von dem Fokus auf einen Erfolgsprozess des Empowerments, wenn sie erklären (S. 5f.): “Empowerment korrespondiert mit Selbstbewusster werden, Spaß und Freude haben, Neugierde wecken, um Neues zu entdecken. Es setzt Energien frei. Jedoch, Empowerment ist kein Sonnenschein-Konzept ganz im Gegenteil. Manchmal ist es für die Beteiligten regelrechte Knochenarbeit und ist keinesfalls frei von Grenzen und Rückschritten.”

Miller und Pankofer gehen in ihrem Buch sehr genau auf die historischen Aspekte sowie die Potenziale des Empowerments auf individueller, gemeinschaftlicher und struktureller Ebene ein (vgl. S. 7-22). Dabei machen sie auch klar, dass dieses Lernmodell einige Schwächen (vlg. S. 18-20) mit sich bringt, die nicht zu verleugnen sind: Denn die Stärke des Empowerment-Begriffs, bei dem viele Aspekte zusammen kämen und dadurch auch die individuellen und gesellschaftlichen Realitäten widergespiegelt würden, sei zugleich die Schwäche des Konzepts. Die begriffliche Unschärfe mache die Operationalisierung schwer. Weiter erklären die Autorinnen, dass das Empowerment einen “Mittelschichtbias” (S. 19f.) enthält: So gebe es Empowerment vor allem für “diejenigen Adressatinnen [gilt], die zwar Probleme haben, aber noch immer mit spezifischen mittelschichtorientierten Kompetenzen und Ressourcen bzgl. Kommunikation und Erkenntniskompetenzen ausgestattet sind.”

Diesen kritischen Blick auf Empowerment gilt es in der Umsetzung von Empowerment-Konzepten zu berücksichtigen und Menschen einzugliedern und zu stärken, die eben sonst auf solche geleiteten Stärkungsprozesse nicht zugreifen können.

Um zurück zur Natur- und Erlebnispädagogik zu kommen, schließen wir mit Outdoor-Trainer Felix Leimböck (2016, S. 91) ab, der das Konzept des Empowerments wie folgt zusammenfasst: “Die Teilnehmer[innen] erlebnispädagogischer Empowerment Aktionen werden in den Übungen als kompetente Akteure wahrgenommen, die über das Vermögen verfügen, ihre Lebenssettings in eigener Regie zu gestalten und Lebenssouveränität zu gewinnen. Dieses Vertrauen in die Stärken der Menschen, in produktiver Weise, die Belastungen und Zumutungen der alltäglichen Lebenswirklichkeit zu verarbeiten, ist Zentrum und Leitmotiv der ‘Philosophie der Menschenstärkung’.” Mit einem Empowerment Projekt können eben solche mutmachenden Prozesse der Selbstbemächtigung kreiert werden, um Menschen zu stärken. Das Ziel ist klar: Die Teilnehmerinnen sollen lernen, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen. Mit ausgewählten Aktivitäten und dem ganzen Setting eines gemeinsamen Wochenendes im Wald abseits des Alltags sollen sich die Teilnehmerinnen ihrer Fähigkeiten bewusst werden. Es geht darum, dass sie eigene Kräfte entwickeln und ihre individuellen und kollektiven Ressourcen zu einer selbstbestimmten Lebensführung nutzen lernen.

Meine Quellen:

Heckmaier & Michl (2008): Erleben und Lernen – Einführung in die Erlebnispädagogik. reinhardt (7. Auflage)
Zuffellato, Andrea, Kresmeier, Astrid H. (2022): Lexikon Erlebnispädagogik: Theorie und Praxis der Erlebnispädagogik aus systemischen Perspektiven. ZIEL. Praktische Erlebnispädagogik (3. Auflage), S. 59-60
Miller, Tilly, Pankofer, Sabine (2000): Empowerment konkret! : Handlungsentwürfe und Reflexionen aus der psychosozialen Praxis. Dimensionen Sozialer Arbeit und der Pflege Band 4. Lucius & Lucius
Leimböck, Felix (2016): Skriptum „Dipl. Natur – und Erlebnispädagoge“. naturasides